Warum die Expo 2027 schlecht für die Ostschweiz wäre

Warum die Expo 2027 schlecht für die Ostschweiz wäre

Am 5. Juni stimmen wir im Kanton St. Gallen über einen Planungskredit für die Expo 2027 ab. Mit 5 Millionen Franken soll eine Projektstudie erstellt werden, die skizziert, wie eine Expo in der Ostschweiz aussehen und stattfinden könnte. Die Befürworter erhoffen sich positive Impulse für die Ostschweiz: Ein solches Marketingprojekt fördere langfristig die wirtschaftliche Entwicklung und sei damit eine Chance für die Region. Doch damit liegen sie grundfalsch: Mega-Events wie die Expo haben keine nachhaltige Wirkung – und wenn schon, dann eine negative.

Warum ich gegen eine staatsfinanzierte Expo 2027 bin? Ganz einfach: Es ist keine Staatsaufgabe, solche Grossveranstaltungen auszurichten. Staatsfinanzierung bedeutet stets, dass jemandem sein Eigentum weggenommen werden muss, um es für etwas einzusetzen, das er womöglich gar nicht will. Lässt sich dieser Freiheitseingriff für ein grösseres Volksfest rechtfertigen? Ich denke nicht. Ist das ein ideologisches Argument? Mag sein. Doch Ideologien sind per se nichts Schlechtes und schon gar nichts Lernunfähiges. Im Gegenteil: Eine Ideologie ist eine Sammlung von Grundsätzen, die sich bewährt haben – also eine Art Datenbank von geronnenem Wissen. Wer sich Ideologien verweigert, läuft darum Gefahr, dieselben Fehler immer und immer wieder zu begehen, obwohl man es bereits besser wüsste. So würde es auch jenen geschehen, die sich von einem staatsfinanzierten Mega-Event langfristige Verbesserungen für die Ostschweiz erhoffen.

Expo 02 – ein wirtschaftliches Strohfeuer
Natürlich ist es nicht das erste Mal, dass Interessengruppen Grossveranstaltungen als Allheilmittel für die Revitalisierung einer Region anpreisen. Bereits im Vorfeld der letzten Expo im Jahr 2002 klang es gleich. Doch mittlerweile geben sogar die damaligen Verantwortlichen zu, dass die Expo 02 für die wirtschaftliche Entwicklung ein blosses Strohfeuer war:
«Ausser verbesserten Infrastrukturen hat die Expo 02 keine messbaren Auswirkungen auf die Wirtschaft unserer Region gebracht», bilanzierte die Vertreterin einer Wirtschaftskammer mehrere Jahre nach dem Event (Handelszeitung 2005). Beschäftigungsmässig erlebte die Region während der Veranstaltung einen Schub, der jedoch schnell verflog: In Biel lag die Arbeitslosigkeit nach der Expo sogar deutlich höher als vor der Expo (Der Arbeitsmarkt 2005).

Grossveranstaltungen sind immer Strohfeuer
Doch war das bloss ein Konstruktionsfehler der Expo 02? Etwas, das sich mit einer schlauen Planung ins Positive drehen liesse? Kaum. Seit dreissig Jahren befasst sich die ökonomische Forschung intensiv mit den wirtschaftlichen Auswirkungen solcher Mega-Events, insbesondere grossen Sportveranstaltungen. Das Urteil ist vernichtend: Mit einer für die Ökonomie ausserordentlich hohen Übereinstimmung kommt die Forschung zum Schluss, dass es keine wirtschaftlichen Gründe für die Subventionierung solcher Veranstaltungen gibt. Zu gross sind die Kosten, zu klein der mögliche Nutzen. Coates & Humphreys (2008) ziehen etwa in einer Überblicksstudie über Sportveranstaltungen das Fazit:

Die Evidenz macht deutlich, dass erhebliche Konsistenz zwischen Ökonomen besteht, die Forschung in diesem Bereich machen. Diese Evidenz zeigt, dass Sportsubventionen nicht gerechtfertigt werden können auf der Basis von lokaler Wirtschaftsentwicklung, Einkommenswachstum oder der Schaffung von Arbeitsplätzen […].

Doch sie sind nicht allein. Hagn und Maennig (2007a) (2007b) fanden keine nachhaltigen positiven Auswirkungen auf die Beschäftigung durch die beiden Fussballweltmeisterschaften in Deutschland (1974 und 2006). Feddersen & Maennig (2009) fanden insbesondere keine positiven Beschäftigungseffekte durch Bauprojekte während der WM 2006. Die gleichen Ökonomen finden auch konzentrierte kurzfristige, aber keine langfristigen Beschäftigungseffekte der Olympiade 1996 in Atlanta (Feddersen & Maennig (2013)). Allmers & Maennig (2009) finden keine positiven wirtschaftlichen Auswirkungen der WM 1998 in Frankreich. Spilling (1999) zeigt, dass die Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer die Wirtschaftsaktivität nur kurz angeregt und nur Ressourcen im Land umverteilt haben. Porter (1999) findet keine erhöhten Umsatzzahlen in den Veranstaltungsorten des Super Bowl. Baade & Matheson (2001) (2003) zeigen schliesslich, dass die positiven Effekte des Super Bowl, der Olympiade 1984 in Los Angeles und der Olympiade 1996 in Atlanta gänzlich vorübergehend waren und im Vorhinein bis zu Faktor 10 überschätzt wurden.

Mega-Events als Wachstumsbremse
Für die Finanzierung von Grossevents muss der Staat finanzielle Mittel von Orten im Wirtschaftsgeschehen wegnehmen, wo diese gute Verwendung hatten, und sie in eine Vielzahl relativ einfacher und zeitlich befristeter Kleinjobs umlenken. Ist der dadurch erzeugte Kurzboom bald einmal verflogen, brauchen die gebauten Anlagen aber immer noch kostspieligen Unterhalt. Kein Wunder, dass es neben der Mehrheit von Studien, die keinerlei Effekte von Grossveranstaltungen finden, auch noch solche gibt, die negative Auswirkungen solcher Politik finden. Coates & Humphreys (1999) zeigen etwa, dass Grossveranstaltungen das Pro-Kopf-Einkommen am Veranstaltungsort negativ beeinflussen. Baade & Matheson (2001) (2004) fanden heraus, dass die Wirtschaft an Veranstaltungsorten der Baseball All-Star Games und der WM 1994 in den USA langsamer wuchs als in vergleichbaren Städten. Gleiches fand Szymanski (2002) für die Gastgeberländer der Fussballweltmeisterschaft. Teigland (1999) stellt einen markanten Zusammenbruch der Hotellerie in Lillehammer nach den olympischen Spielen fest und schätzt die Kosten eines durch die Olympiade geschaffenen Arbeitsplatzes auf 3 Millionen Dollar. In der Analyse der Winterspiele in Sochi 2010 findet Müller (2015) schliesslich, dass die Kosten der Überkapazitäten für den russischen Staat die Vorteile deutlich überwiegen, insbesondere da sich das Image des Landes durch die Olympiade deutlich verschlechtert habe.

Der Tenor der Ökonomen ist praktisch eindeutig: Die Zauberhand, die einer Region nach einem Grossevent wirtschaftliche Verbesserungen beschert, gibt es nicht. Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Mega-Events sind entweder vernachlässigbar oder gar negativ. Warum trotzdem so viele Nutzenstudien im Auftrag der Organisationskomitees fantastische Gewinne prognostizieren, erklärt Crompton (1995): Indikatoren über Umsatz, Einkommen und Beschäftigung werden irreführend dargestellt, Opportunitätskosten und verdrängte ökonomische Aktivität werden vernachlässigt, mögliche Gewinne werden aufgebauscht und Kosten verschleiert. Das wäre bei der Planungsstudie, die bei einem Ja am 5. Juni in Auftrag gegeben würde, natürlich nicht anders. Eine Grundlage, auf der man die Expo besser beurteilen könnte, würde auch diese Studie nicht schaffen.

Romantik ist keine Staatsaufgabe
Zugegeben: Es mag bei der Expo um mehr oder um anderes gehen als um die wirtschaftliche Entwicklung der Ostschweiz. Wenn die Befürworter der Expo schon nicht die wirtschaftlichen Argumente auf ihrer Seite haben, dann vielleicht die emotionalen: Die Expo könne eine breite Euphorie in der Bevölkerung entfesseln, meinen sie, und schon alleine das würde die Expo zum gelungenen Projekt machen.

Doch diese Ansicht zeugt nicht von einem modernen und liberalen Gesellschaftsbild, sondern von einem autoritären. Die deutschen Romantiker von Hegel bis Heidegger schwärmten bereits vom Staat als Stimmungsstifter und grossem Volksmotivator, der jeden Einzelnen in Grossprojekte einbinde und auf Abenteuer mitnehme. Individuelle Freiheit und Selbstbestimmung war ihnen nichts wert und galt als kraftlose Einsamkeit, die den „grossen Plan“ aufhalte. Doch gerade die Geschichte hat gezeigt, dass nicht grosse, staatlich vorgegebene Ziele zu Fortschritt führen, sondern kleine, individuell gesetzte. Das gilt auch für die Ostschweiz im Jahr 2016: Für wirtschaftlichen Fortschritt brauchen wir keine grossen Staatsprogramme wie die Expo 2027, sondern mehr Freiheit für das Individuum.